Analyse eines Videos

von Gastautor Stephan Anpalagan

Das Internet ist ein düsterer, zuweilen aber auch skurriler wie kurioser, Ort. Man kann sich dort problemlos Phantasienamen geben, Phantasievideos drehen und Phantasiefakten verbreiten – bevorzugt auf einem Portal, dessen Selbstbezeichnung man wohlwollend mit „DuRohr“ übersetzen würde.

Beispiel gefällig?

Man könnte sich etwa „Friedrich von Osterhal“ nennen (Phantasiename), tschechische Militärparaden zur sinnfreien Untermalung monotoner Vorträge nutzen (Phantasievideo) und wahrheitsneutrale Ansichten über Gott, die Welt, die AfD, ihre demokratische Gesinnung (* kicher *) und sonstige Fabelwesen veröffentlichen (Phantasiefakten).

Wer dieses Treiben in freier Wildbahn beobachten möchte, schaue hier:

Vor einiger Zeit rief ebendieser Friedrich von Osterhal auf seinem Discord-Channel zur Denunziation von Lehrerinnen und Lehrern auf, die sich negativ zur AfD äußerten [1]. Die Hooligans Gegen Satzbau ließen sich nicht zweimal bitten und sandten ihm einen fingierten Bericht, gespickt mit völlig wahllosen Reizwörtern der „besorgten Bürger“, den Friedrich von Osterhal (FvO) ohne Nachfrage und ohne Recherche als Erfahrungsbericht eines gewissen „Torben“ prompt veröffentlichte [2].

Friedrich von Osterhal – Influencer wider Willen

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Nachdem die HoGeSatzbau diesen Sachverhalt publik machten, veröffentlichte FvO ein szenetypisches Mimimi [3] und drehte im Anschluss obiges Video, in dem, bis auf „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“, jeder einzelne Satz und jedes einzelne Wort falsch, irreführend oder schlichtweg gelogen sind.


Eine Analyse

Der folgende Text ist eine Auseinandersetzung mit den sechs wesentlichsten Falschaussagen, die das Video des FvO enthält. Es soll politische Parteien geben, die derlei verlogene Berichterstattung als „Lügenpresse“ bezeichnen würden,… aber das wäre ein gänzlich anderes Thema.


01:50 – Aussage 1:

Die AfD möchte Lehrerinnen und Lehrer nicht bloßstellen. Die Meldeportale sind nicht als Pranger gedacht. Die AfD veröffentlicht keine Daten über die Lehrer.

Falsch!
Mindestens das Meldeportal der AfD Baden-Württemberg sollte die Namen von Lehrern und Professorinnen veröffentlichen, da diese als „öffentliche Personen mit hoheitsrechtlichen Aufgaben“ anzusehen wären, so Stefan Räpple [4]. Tatsächlich ist dieses Portal nach einem vermeintlichen „Hackerangriff“ außer Betrieb. An der tatsächlich Motivlage der Partei existieren allerdings noch immer keine Zweifel.


03:12 – Aussage 2:

„Ich habe nur Erfahrungsberichte veröffentlicht“. Erfahrungsberichte sind per se nicht belegbar.

Falsch!
Wenn Erfahrungsberichte nicht belegbar wären, könnte man mehrere fundamentale Disziplinen des Journalismus einstampfen, darunter die Krisen- und Kriegsberichterstattung, den Umgang mit Whistleblowern oder die Veröffentlichung von exklusivem Material. Wenn Erfahrungsberichte nicht belegbar wären, wären sie immer und zu jederzeit unglaubwürdig und jegliche investigative Annäherung und mögliche Enthüllung wäre zum Scheitern verurteilt. Wie Journalistinnen und Journalisten solche komplexen Informationen verifizieren, lässt sich hier [5], hier [6], hier [7], hier [8], hier [9] und hier [10] nachlesen. Besonders die Veröffentlichung von „Netzwerk Recherche“ sei FvO ans Herz gelegt. Seite 19 enthält eine graue Textbox mit der Überschrift:

„Wie kann man vermeiden, dass die Nutzerbeiträge gefälscht sind?“ [11].


5:50 – Aussage 3:

„Die AfD setzt sich sogar für mehr Demokratie, die direkte Demokratie, ein.“

Falsch!
Der AfD geht es sicherlich um vieles, aber ganz bestimmt nicht um den Erhalt der Demokratie. Die direkte Demokratie, von der die Anhänger dieser rassistischen [12], faschistischen [13] und antisemitischen [14] Partei schwärmen, hat in Großbritannien zum völig chaotischen Brexit geführt [15] und in Deutschland zeigte sich bei der hessischen Landtagswahl, dass überall dort, wo die AfD erfolgreich war auch die Beführworter der Todesstrafe zu finden sind [16]. Wem der Schutz unserer freiheitlichen Demokratie am Herzen liegt, sollte also einen großen Bogen um die AfD machen.


07:00 – Aussage 4:

Lehrer verstoßen gegen das Neutralitätsgebot, wenn sie sich kritisch mit der AfD auseinandersetzen. Die Institution Schule soll ein ideologiefreier Ort sein.

Falsch!
Dazu der Wortlaut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Die AfD argumentiert mit dem Neutralitätsgebot. Darf ich mich als Lehrkraft an Schule oder Hochschule kritisch mit der AfD auseinandersetzen?“ – „Ja. Neutralität bedeutet nicht, sich nicht mehr politisch äußern zu dürfen. Lehrkräfte haben einen demokratischen Bildungsauftrag, sie sollen Schülerinnen und Schülern die freiheitlichen und demokratischen Grund- und Menschenrechte vermitteln. Die an Schulen geforderte „parteipolitische Neutralität“ verbietet es, in den Schulen Werbung für wirtschaftliche, politische, weltanschauliche und sonstige Interessen zu betreiben. Aber selbstverständlich können sich Lehrkräfte im Unterricht kritisch mit den Positionen aller Parteien auseinanderzusetzen. […] Die AfD vertritt unter anderem diskriminierende, xenophobe, rassistische, sexistische, frauenfeindliche Positionen und versucht, diese in der gesellschaftlichen Mitte zu verankern. Das bedeutet für Lehrkräfte, die ihre Aufgabe und die Schulgesetze ernst nehmen, dass der kritische Umgang mit den Positionen der AfD ein Teil der politischen Bildung ist. Dazu gehört es, die Positionen der AfD als diskriminierend darzustellen, wenn sie es sind“ [17]. Dem ist nichts hinzuzufügen.


12:00 – Aussage 5:

Bernd Höcke hat mit Adolf Hitler überhaupt nichts zu tun!

Falsch!
Zu den Menschen, die Bernd Höcke offen mit Adolf Hitler vergleichen, gehören das Zentrum für politische Schönheit [18] (immerhin seine direkten Nachbarn! [19]), Martin Sonneborn [20] (immerhin Mitglied des Europaparlaments), das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung [21], die Investigativ-Journalisten von Correctiv [22], die Rosa-Luxemburg-Stiftung [23] und die AfD-Parteispitze [24]. Mittlerweile gibt es ein Quiz das Höcke-Zitate mit Hitler-Zitaten vergleicht [25], eine Quiz, das Höcke-Zitate mit Goebbels-Zitaten vergleicht [26] und gleich zwei Titelblätter, in denen Hoecke mit Goebbels [27] und mit Hitler [28] verglichen wird (die Bildunterschrift unter beiden: „Er ist wieder da“). Einer der drei Parteirichter, die das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke (Relativierung des Holocausts, besondere Nähe zum Nationalsozialismus) abschmetterten, besuchte in der Vergangenheit selbst eine Hitler-Pilgerreise, ließ sich mit einer Hakenkreuz-Tischdecke (!) ablichten und zündete in einem Fenster des Geburtshauses Adolf Hitlers eine Kerze an [29].

Und dann ist da noch dieses besondere Bonbon, als Höcke in einem Interview mit dem Wall Street Journal erst die Taten Adolf Hitlers relativierte, seine Aussage anschließend leugnete, nach der Veröffentlichung eines Tonband-Mittschnittes öffentlich zurückruderte und sich zu guter Letzt falsch verstanden sah [30]. Wir sehen also: Es gibt über-haupt-keine Verbindung zwischen Bernd Höcke und Adolf Hitler und somit auch über-haupt-keine Notwendigkeit im Rahmen politischer Bildung auf diesen Sachverhalt einzugehen.


15:00 – Aussage 6:

„Ich äußere keine Schwurbeleien, sondern meine Meinung“.

Geht so…
Ohne Übertreibung lässt sich festhalten, dass alle inhaltlichen Aussagen FvOs in diesem Video falsch sind. Unter den anderen 19 Videos verharmlosen mindestens zwei Videos den Rassismus in unserer Gesellschaft („MeTwo – Jammerei und Deutschenfeindlichkeit“ [31], „Böse Deutschen sollen rassistisch zu Özil sein!“ [32]), wagt ein Video eine gefährliche Nähe zum Nationalsozialismus [33] („Klartext! Wehrt euch oder Deutschland geht unter!“ [34]) und ein weiteres Video versteckt einen klassischen antisemitischen Terminus [35] in seinem Titel („Chemnitz – die Dekadenz der Eliten“ [36]). Schwurbelei ist in diesem Zusammenhang daher noch äußerst freundlich formuliert.


Fazit

Gerade vor dem Hintergrund des Gedenkens an die Reichspogromnacht und des unentwegten „nie wieder!“ sehe ich mich, genauso wie die Hooligans Gegen Satzbau, der kontinuierlichen politischen Fortbildung verpflichtet. Dazu gehört auch die Beschäftigung mit den Lügen und Falschaussagen unbedeutender Rechtsextremer, deren Falschmeldungen und Fake News in den sozialen Medien des Internets tausendfach verstärkt werden und in geschlossenen Echokammern auf Widerhall stoßen.

Der Titel des Videos von Friedrich von Osterhal lautet übrigens „Hogesatzbau – peinlich wider Willen„. Ich hätte da einen Verbesserungsvorschlag. Man müsste nur „HoGeSatzbau“ ändern…


Eine Analyse von unserem Freund und Gastautor Stephan Anpalagan.
Kolumnist bei Tag, Musiker bei Nacht.


Quellen:

1) https://donotlink.it/Q1Z7
2) hogesatzbau.de/friedrich-von-osterhal-influencer-wider-willen/
3) facebook.com/HoGeSatzbau/photos/a.829311617089822/2037806456240326
4) heise.de/newsticker/meldung/Weitere-AfD-Meldeplattform-gegen-Lehrer-Namen-sollen-veroeffentlicht-werden-4189546.html
5) medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/lfm-nrw/Foerderung/Forschung/Dateien_Forschung/zusammenfassung-bd-60.pdf
6) mdr.de/medien360g/wissen/interview_stefan_voss_dpa-100.html
7) springerprofessional.de/journalismus/medien/fallstricke-bei-der-onlinerecherche-vermeiden/6602588
8) sueddeutsche.de/medien/verifizierung-von-online-content-quelle-internet-1.3167563
9) blog.zeit.de/glashaus/2016/12/14/nachricht-meldungen-kriterien-berichterstattung-quellen-fake-news/
10) fachjournalist.de/vorsicht-fake-wie-man-falschmeldungen-im-netz-enttarnt/
11) netzwerkrecherche.org/files/nr-werkstatt-18-online-journalismus.pdf
12) facebook.com/stephan.anpalagan/posts/1654395747929285
13) facebook.com/stephan.anpalagan/posts/1912222992146558
14) facebook.com/stephan.anpalagan/posts/1585266274842233
15) facebook.com/stephan.anpalagan/posts/1593868847315309
16) hessenschau.de/politik/wahlen/landtagswahl-2018/verfassungsreform/verfassungsreform-todesstrafe-hat-in-manchen-gemeinden-viele-befuerworter,verfassungsreform-ergebnisse-todesstrafe-100.html
17) gew.de/schule/fragen-und-antworten-zu-den-denunziationsplattformen-der-afd/
18) politicalbeauty.de/landolf/
19) politicalbeauty.de/mahnmal.html
20) welt.de/kultur/literarischewelt/article182032600/Frankfurter-Buchmesse-Martin-Sonneborn-kommt-als-Stauffenberg-und-stiehlt-Hoecke-die-Show.html
21) diss-duisburg.de/2016/11/zur-ns-rhetorik-des-afd-politikers-bjoern-hoecke/
22) correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2017/12/01/er-passt-besser-in-die-npd
23) th.rosalux.de/fileadmin/ls_thueringen/dokumente/publikationen/RLS-HeftMissionHoecke-Feb16.pdf
24) sueddeutsche.de/politik/machtkampf-afd-spitze-soll-hoecke-mit-hitler-vergleichen-1.3457362
25) vice.com/de/article/gvvb57/quiz-wer-hats-gesagt-hocke-oder-hitler
26) mopo.de/hamburg/politik/machen-sie-den-test-goebbels-oder-hoecke—wer-hat-s-gesagt–25579566
27) meedia.de/wp-content/uploads/2017/01/9b826508f31b73cdb14bfb9e12e73b2a01cec00ddfe811af9e12bba61609792bce81bd4943a42bf54ed50a671cc68332e66d114e5edbe3b6eae7821404769d8d90a3780172ee1d8ca5b9cfdb68d01b16.jpg
28) meedia.de/wp-content/uploads/2017/01/9b826508f31b73cdb14bfb9e12e73b2a2866539622ddcc1a8fbf47daaa49b4373ed41ba31b6b67fab44d615dfd127233806134f78b2fd6f1ee8e468821cb444b4b28c48830942597009249dc018829e2.jpg
29) spiegel.de/politik/deutschland/bjoern-hoecke-ex-parteirichter-bringt-afd-kandidaten-in-bedraengnis-a-1233709.html
30) stern.de/politik/deutschland/bjoern-hoecke-verharmlost-hitler–wie-der-afd-mann-sich-im-luegen-dickicht-verlor-7361224.html
31) youtube.com/watch?v=bn7JhxVmKow
32) youtube.com/watch?v=CRThFNUwL6M
33) dhm.de/archiv/ausstellungen/holocaust/images/ausstellung/r2/BA104366.jpg
34) youtube.com/watch?v=ZFEXQi5nqIM
35) juedische-allgemeine.de/article/view/id/27009
36) youtube.com/watch?v=W2c910KJyKk