Wir bleiben da!

7. Februar 2021/0/0

Kommerzialisierung des Antifaschismus +++ Diskriminierung von Randgruppen +++ Rassismus +++ Ableismus +++ Sexismus +++ Egozentrismus +++ Gewaltverherrlichung +++ Verharmlosung +++

Das sind nur einige der Vorwürfe, die uns und vielen Mitstreiter:innen immer häufiger in Form von (organisierten) Shitstorms aus den eigenen Reihen begegnen. Im Sekundentakt fliegen Vorwürfe und Unterstellungen dieser Art durch den Raum. 

Zuletzt wurde das einfach zu widerlegende Gerücht gestreut, wir hätten mehrere „kritische schwarze Accounts“ sperren lassen bzw. unsere Follower:innen dazu aufgerufen.

Wie kommt man darauf?

Wir haben mit einem sarkastisch formulierten Retweet Kritik geübt, in ein Wespennest gestochen und eine Bubble zum Explodieren gebracht. 

Die Folgen: Beleidigungen, Beschimpfungen, Falschinformation bis hin zu Gewaltandrohungen.

Es entwickelte sich ein Shitstorm, der immer weiter unterfüttert wurde und sich selbst mehr und mehr befeuerte. In Folge dessen blockierten wir User:innen, die uns massiv bedrohten, angriffen bzw. dieses likten, und Twitter sperrte einige Accounts, welche gegen die Hausordnung verstoßen.

(Die Aussage „Snitches getting stitches“, bedeutet beispielsweise wörtlich „Verräter bekommen Stiche“ und ist ein Gewaltaufruf, der eindeutig gegen die Gemeinschaftsstandards von Twitter verstößt.)

„The phrase „snitches get stitches“ implies that anyone who is a snitch would get physically beaten up.“

Definition: hinative

 

Das sorgte für Unmut und hatte zur Folge, dass Begründungen für die Sperrungen gesucht wurden. Im Zuge dessen entstand das Narrativ, wir würden gezielt gegen PoC-Accounts vorgehen und Meldestorms initiieren. Dieses wurde nicht nur innerhalb der Bubble verbreitet, sondern auch von Journalist:innen ungeprüft übernommen, geteilt und weiter aufgebauscht. 

Warum sogar Journalist:innen offenbar unhinterfragt solche Aussagen übernehmen und dafür sogar ihren Berufsethos beiseiteschieben, ist uns unbegreiflich.

Dies geschah auch dann noch, als bereits lange klar war, dass wir nichts damit zu tun haben. By the way: Hätten wir die Macht, Twitter zu zwingen, Profile sperren zu lassen, dreimal dürft ihr raten, welchen Dreck wir sperren lassen würden? Dann könnten wir diese ganze Sache hier nämlich geschmeidig sein lassen und die Füße hochlegen.

Wollen wir wirklich dabei zuschauen, wie Menschen andere Menschen dominieren und zum Schweigen bringen – oder sogar dabei mitmachen?

Schon lange werden dabei nicht mehr „nur“ Unterstellungen, aus dem Zusammenhang gerissene Screenshots und diffamierende Unwahrheiten gestreut. Auch auf Identitäten, Privatfotos, Klarnamen und Adressen wird zurückgegriffen, Informationen zu Familienangehörigen und Krankheiten veröffentlicht oder gezielt auf solche hingewiesen. 

Ihr kennt das Spiel? Das ist Doxxing.

Eine gefährliche und skrupellose Art, Menschen mundtot zu machen, indem man gezielt private Details veröffentlicht oder auf diese hinweist. Eine Methode, die wir eigentlich von ganz anderen kennen. 

Wir fragen uns, wenn es tatsächlich um ein gemeinsames Ziel geht, warum wird dann so viel Energie in den Kampf gegen Mitstreiter:innen gesteckt, um diese mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen? 

(Exkurs: Dogpiling ist das systematische Unterdrücken einer Meinung und Belästigen der Person hinter dieser, durch einen abgesprochenen und geplanten Sturm an negativen Kommentaren, Beiträgen, etc.)

Linkssein und Antifaschismus haben viele Facetten.

Wir können noch so unterschiedlich sein, unsere Methoden mögen oder hassen, aber im Kampf gegen den Rechtsruck, gegen den Einmarsch des Faschismus in den Bundestag und für eine freiheitliche demokratische Gesellschaft und Mitmenschlichkeit, sollten wir uns auf Augenhöhe begegnen und an einem Strang ziehen. 

Nicht zwischen „echtem“ und „bürgi“ (=bürgerlichen) Antifaschismus unterscheiden, niemanden dominieren, der/die in den eigenen Augen nicht genug oder Anderes tut, um sich Antifaschist:in nennen zu „dürfen“. 

(Exkurs: Silencing ist eine Strategie, durch welche mittels Einschüchterung versucht wird, Menschen zum Schweigen zu bringen und aus Diskussionen zu drängen)

Wer alles deutsche Möchtegern-Antifaschist:innen sind?

Letztendlich wird damit das Gegenteil von dem erreicht, was wir gemeinsam erreichen wollen. Diese gezielten Shitstorms gefährden und zerstören linke Strukturen nachhaltig, unterbinden Engagement, stoppen Enthusiasmus, und machen die Menschen hinter Initiativen und aktivistischen Accounts kaputt.

(Exkurs: Gaslightning ist eine Form psychischer Gewalt, mit der Opfer gezielt manipuliert und verunsichert werden, um ihr Realitäts- und Selbstbewusstsein allmählich zu zerstören)

Niemand muss kritiklos gefeiert werden, denn niemand ist perfekt.

Wir können gerne darüber reden, dass falsch gegendert wird, vielleicht wusste man es nicht besser. Dann schlagt vor, wie es richtig geht. 

Wir können darüber reden, was Satire darf, und dass sie keine Nazis wegzaubert. Erzählt, was eure Methode ist und lasst den Raum, Intentionen zu erklären. 

Auch wenn wir nicht alle das gleiche Werkzeug benutzen, so sind unser aller Beiträge doch oftmals berechtigt und wichtig. 

Wir können darüber reden, dass Merchandiseverkauf gegen jedes Linkssein spricht. Dann gebt gerne Tipps, wie laufende Anwaltskosten gezahlt, Engagement in großem Umfang ohne jegliche Förderung aufrechterhalten und gleichzeitig Familie, Jobs und Communitymanagement unter einen Hut gebracht werden können.

Lasst uns gerne auch darüber reden, wer und wie breit angelegte Kampagnen gegen die AfD gestartet werden können, wenn es unabhängige Großinitiativen nicht mehr gibt. Denn staatlich geförderte Träger und Projekte dürfen nicht gegen eine demokratisch gewählte Partei agieren. Die AfD hätte freie Bahn. 

Ihr könnt sagen, dass ihr denkt, wir wären alle „nur“ weiße, heterosexuelle, privilegierte Menschen. Dann jedoch würden wir uns wünschen, dass ihr uns auch mal zuhört. Vielleicht werdet ihr merken, dass ihr gar nicht wisst, wer wir sind, wer hinter Accounts wie unserem steckt, welche Sozialisation wir genossen haben, von welchen Privilegien wir profitieren, aus welchen Ländern wir oder unsere Vorfahren kommen und wie unsere sexuelle Orientierung aussieht.

Denn so ist das im Netz.

Ein Account ist erstmal farblos, man (er)kennt keine Hintergründe, keine Geschichten, keine Emotionen. Zuschreibungen und Behauptungen bestehend aus Vorurteilen und Stereotypen, die anderen übergestülpt und mit gefühlten Realitäten belegt werden, die aus kontextlosen Bruchstücken geschaffen und weiterverbreitet werden, sind Mechaniken die uns eigentlich von ganz anderer Seite wohlbekannt sind. 

So werden statt Fragen, die auf Antwort aus sind, „alternative” Wahrheiten präsentiert, die Fakten suggerieren sollen.

Woher nur kennen wir diese Systematik?

Wer wir sind, wisst ihr nicht. Was ihr aber wisst, ist, dass hinter jedem unserer Accounts Menschen sitzen. Menschen, die Seite an Seite mit und für andere kämpfen. Dabei legen wir uns seit Jahren täglich mit rechtsextremen Meinungsmachern, gewaltbereiten Rassist:innen, einflussreichen Politiker:innen und waschechten Faschist:innen an, Korrekturen sind bereits seit Jahren nicht mehr unser Kerninhalt. 

Das passiert nicht nur im kleinen Kämmerlein, in der eigenen Filterblase oder im gewohnten sozialen Umfeld, sondern vor einem großen und auch gefährlichen Publikum. Das kratzt an den Faschist:innenegos und führt nicht nur zu Kontroversen in den “eigenen” Reihen, sondern macht sie auch wütend. Seit unserer ersten Stunde erhalten wir nicht nur regelmäßig Unterlassungserklärungen und Klageschriften, sondern auch Drohungen und Kopfgeldauslobigungen. 

Darum sind wir und vor allem unsere Kinder auf unsere Anonymität im Netz angewiesen.

Als Privatmenschen findet ihr uns jedoch Gesicht-zeigend neben euch auf der Straße.

Ihr kennt uns nicht – und das ist gut so.

Wir würden uns wünschen, dass wir auch im Netz gemeinsam gegen Diskriminierung kämpfen würden. Denn solange niemand ein Patentrezept gegen Rassismus gefunden hat, werden wir alle weitermachen (müssen). Jeder auf seine/ihre Art. Bürgerlich, rabiat, gemäßigt, lustig, ernst, vehement oder dezent. Wir können uns nebeneinander, hinter jemanden oder vor jemanden stellen, wann immer das notwendig ist.

Vereinend und stark, statt spaltend.

Sachliche Argumente, einen Austausch, eine Frage, Toleranz andere Meinungen und Sichtweisen auszuhalten und vielleicht sogar gleichberechtigt stehen zu lassen, das braucht es, um zu verstehen, warum der/die andere Dinge tut oder lässt. 

Ein missglückter Ausdruck macht aus einem Menschen genauso wenig eine:n Rassist:in, wie ein kontextloser Screenshot aus einem Thread. Die inneren Einstellungen und Werte machen es. Die muss man aber erfragen. Die sieht man oftmals nicht einfach so. 

Gesagtes mag (ungewollt) verletzen oder angreifen, aber ein:e Rassist:in trägt ein hierarchiegeprägtes, wertendes Bild von Menschen in sich. 

Wir sollten diese Menschenbilder erfragen, ein Umdenken anstoßen und in ein persönliches Gespräch mit den Menschen gehen, vor allem mit denen, die eigentlich auf der gleichen Seite kämpfen; mit dem Ziel, zu klären, nicht zu diffamieren oder zu dominieren. 

Die inflationäre Verwendung von *Ismen hilft niemandem, sie trägt höchstens dazu bei, Begriffe zu verwässern und zu verharmlosen. Und das wollen wir sicherlich alle nicht. Ein umgänglicher Hinweis in den eigenen Reihen, dass ein Begriff sexistisch ist oder ein Beitrag rassistische Vorurteile enthält, ein persönliches Gespräch auf Augenhöhe, mit dem Ziel, herauszufinden, welche Intention hinter dem Gesagten steckt, wären zielführender, könnten Dinge verändern, ein Umdenken initiieren und Menschen sensibilisieren. 

Denn so ganz ohne Schaum in den Mundwinkeln kritisiert es sich doch gleich viel effektiver. Viele Initiativen und Akteur:innen wie wir haben kein professionelles Community- und Contentmanagement, geschweige denn eine Redaktion. Auch ist ein Tweet, bestehend aus 280 Zeichen, immer nur ein Auszug aus dem, was jemand denkt und sagen möchte. Aufeinanderfolgende Tweets werden durch Sub-Threads zerrissen, so dass jeder Tweet eigentlich nur für sich alleine stehen kann. Das zu berücksichtigen fällt uns schwer. Manchmal leiden Lesbarkeit, Kontext oder mögliche Erklärungen/Ausführungen enorm darunter. Da bedarf es Wohlwollen und Interesse an Verständigung, um Geschriebenes im Zusammenhang zu erkennen oder andere Auslegungen zu akzeptieren. 

Denn: Kontext ist King/Queen.

Jede:r greift mal in die Tonne, manchmal sogar so richtig. Das macht aber niemanden zu Sexist:innen, Rassist:innen oder Ableist:innen.

Wenn ein falsches Wort zur Folge hat, dass jemand aus den eigenen Reihen systematisch fertig gemacht wird, Geschichten konstruiert, Identitäten veröffentlicht werden, dann sollte man sich fragen, ob das noch der eigenen Vorstellung von Moral entspricht, was die eigene Moral noch wert ist und wie klein vielleicht der eigene Horizont bereits geworden ist.

(Exkurs: Tone Policing ist eine Ablenktaktik, in der Wortwahl und Emotionen des Gegenübers gezielt angegriffen werden, statt auf Inhalte einzugehen)

Zu unserem Glück wurden dieses Mal, im Gegensatz zum letzten Storm, keine vermeintlichen Fotos von uns und unseren Freunden veröffentlicht. Es wurde „nur“ gedroht, dass jemand vor unserer Tür steht, dass wir wahlweise in den Kofferraum oder mundtot gemacht gehören, und dazu aufgerufen, die Kontaktdaten zu unserem Ansprechpartner im Impressum herauszubekommen, unter Nennung des vollen Namens, mitten in einem Shitstorm.

Mal ehrlich: Da können die Nasen durchaus noch etwas lernen.

So schwer sollte es nicht sein, gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten, jede:r so, wie er/sie ist, jede Initiative und jedes engagierte Wort wertvoll, in all den Eigenheiten. Man muss sich ja nicht toll finden, aber sollte sich zumindest respektieren. 

Für alle, die sich nicht vor den Karren anderer spannen lassen wollen:

Wenn ihr retweetet und Beiträge teilt, hinterfragt und überprüft den Kontext, kritisiert sachlich, fragt nach und seid solidarisch. Manchmal hilft auch einfach nur ein kleiner Plausch in den DMs.

Ein Shitstorm ist jedoch kein Ort für komplexe Debatten und Tweets, kein Ort für ausschweifende Diskussionen.

Und zu guter Letzt:

Wenn wir blocken, macht das Kritik für die Allgemeinheit nicht unsichtbar, aber es hilft uns dabei, unsere Energie für das zu nutzen, für das wir vor sechs Jahren angetreten sind:

Unterhaltend zu informieren, aufzuklären, hinzuweisen und all denen Mut zuzusprechen, die sich mit Hingabe gegen Rechts engagieren: 

Demokrat:innen, „Bürgis“… Menschen.

Wir bleiben da!

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